Der Roadster hat sie – der Cybertruck braucht sie
Der Tesla Roadster bekommt Kaltgastriebwerke für spektakuläre Hüpfer – eigentlich bräuchte sie aber der Cybertruck. Mit Druckluft-Tanks auf der Ladefläche könnte der schwere Elektro-Pick-up Hindernisse überwinden, an denen selbst seine aufwendige Offroad-Technik scheitert.
Der Tesla Roadster soll in der Rocket-Variante mit SpaceX-Kaltgastriebwerken kurze Flugmanöver, Drehungen in der Luft und kontrollierte Landungen schaffen. Beim Sportwagen wirkt das vor allem wie eine spektakuläre Zugabe für abgesperrte Strecken.
Beim Cybertruck hätten die Düsen dagegen einen praktischen Einsatzzweck. Ein kurzer Schub könnte den Pick-up über einen umgestürzten Baum, einen tiefen Graben oder eine unpassierbare Felsstufe tragen.
Der Cybertruck kann viel – aber nicht alles
Tesla stattet den Cybertruck mit umfangreicher Geländetechnik aus. Dazu gehören Allradlenkung, Steer-by-Wire, adaptive Dämpfer, höhenverstellbare Luftfedern, verschiedene Offroad-Programme und je nach Variante mechanische Differenzialsperren.
Im Rock-Modus verbindet das Luftfahrwerk die Federkreise von Vorder- und Hinterachse. So hält der Cybertruck auf unebenem Untergrund länger Bodenkontakt. Trail Assist führt ihn mit einer einstellbaren Geschwindigkeit zwischen etwa 2 und 40 km/h durch schwierige Passagen.
Der zweimotorige Allrad-Cybertruck besitzt mechanische Sperrdifferenziale an Vorder- und Hinterachse. Beim dreimotorigen Cyberbeast arbeitet vorn ebenfalls eine mechanische Sperre, während die Software hinten zwei Elektromotoren unabhängig voneinander ansteuert und damit die Sperrwirkung nachbildet.
Bis zu 40,6 Zentimeter Bodenfreiheit
Die Luftfederung verändert die Geländewerte erheblich. Im Medium-Modus liegen 256,3 Millimeter Bodenfreiheit und 29,5 Grad Böschungswinkel vorn an. Im High-Modus wachsen die Werte auf 316,3 Millimeter, 33,9 Grad vorn, 20,3 Grad Rampenwinkel und 22,3 Grad hinten.
Im Very-High-Modus steigt die Bodenfreiheit auf beachtliche 356,3 Millimeter. Der Böschungswinkel vorn erreicht 36,6 Grad, der Rampenwinkel 22,9 Grad und der hintere Böschungswinkel 24,7 Grad.
Extract bringt die besten Werte
Für extreme Hindernisse hebt Tesla den Cybertruck im Extract-Modus auf enorme 406,3 Millimeter. Dann stehen 39,9 Grad Böschungswinkel vorn, 26 Grad Rampenwinkel und 27,6 Grad hinten zur Verfügung.
Die Maximalwerte gelten allerdings nur bei niedriger Geschwindigkeit. Im Extract-Modus begrenzt Tesla den Truck auf rund 16 km/h und reduziert das Drehmoment. Die maximale Fahrwerkshöhe nutzt den Federweg weitgehend aus; weitere Einfederreserven fehlen dann. Häufige Wechsel in diese Stellung können zudem den Luftkompressor überhitzen.
815 Millimeter Wattiefe – mit Einschränkungen
Im Wade Mode hebt der Cybertruck das Fahrwerk auf Very High und beaufschlagt das Batteriegehäuse mit Druck. Der leichte Überdruck soll verhindern, dass Wasser und Schmutz durch Dichtungen in den Pack gelangen. In diesem Modus kann der Cybertruck dann bis zu 815 Millimeter tiefes Wasser durchqueren
Der Fahrer darf den Modus höchstens 30 Minuten nutzen. Das System braucht nach der Aktivierung bis zu zehn Minuten, um das Luftsystem zu füllen und den Druck im Batteriegehäuse aufzubauen. Tesla fordert außerdem eine langsame Durchfahrt und warnt vor starker Strömung, unbekanntem Untergrund und tiefem Wasser.
Ein Fluss bleibt damit nicht automatisch passierbar. Schlamm kann die Kühlung beeinträchtigen, weicher Grund den Truck zusätzlich absinken lassen und die tatsächliche Wassertiefe vergrößern.
Drei Tonnen und 3,64 Meter Radstand
Die Technik löst nicht jedes Problem. Ein Cyberbeast wiegt je nach Bereifung rund 3,1 Tonnen. Der Radstand misst 3,635 Meter, die Karosserie kommt ohne Spiegel auf 2,032 Meter Breite und mit ausgeklappten Spiegeln auf 2,413 Meter.
Auf schmalen Waldwegen fehlt häufig der Platz zum Rangieren. Auf Kuppen wächst wegen des langen Radstands die Gefahr, mit dem Unterboden aufzusetzen – immerhin konnten Tester dank des glatten Unterbodens teilweise über glatte und nicht allzu hohe Hindernisse rutschen. In tiefem Sand, Schlamm oder Schnee drückt das hohe Gewicht den Truck stark in den Untergrund.
Die Tesla-Unterlagen raten bei Felsen zu langsamer, präziser Fahrt. Hohe kinetische Energie – also viel Geschwindigkeit bei viel Masse – kann Bauteile beschädigen. Im Sand und Schnee braucht der Cybertruck dagegen Schwung, damit er nicht einsinkt. Zwischen diesen beiden Anforderungen bleibt wenig Raum für grobe Fahrfehler.
Hier kommen die Roadster-Triebwerke ins Spiel
Die Roadster-Rocket-Version trägt zehn Kaltgasdüsen rund um die Karosserie. Druckbehälter speichern bis zu 250 Kilogramm Luft bei einem Gesamtvolumen von bis zu 600 Liter. Die Heckdüsen sollen mehr als 80 Kilonewton Schub erzeugen.
Auf der Ladefläche des Cybertruck wäre ausreichend Raum für Druckbehälter, Ventile, Leitungen und einen Kompressor. Das zusätzliche Gewicht würde zwar die Hinterachse belasten und Nutzlast kosten – für die theoretische Raketen-Variante wäre dieser Nachteil aber überschaubarer als ein Baum quer über dem Trail.
Ein kurzer, nach unten gerichteter Impuls könnte den Cybertruck über ein Hindernis heben. Seitliche Düsen könnten die Karosserie während eines Sprungs ausrichten. Heckdüsen könnten beim Absprung zusätzlichen Schub liefern, während der Elektroantrieb die Räder weiter kontrolliert.
Der Raketenhüpfer für den Cybertruck
Ein umgestürzter Baum bildet das perfekte Einsatzszenario: Der Cybertruck rollt im Rock-Modus an, sperrt die Differenziale, hebt das Fahrwerk auf Extract und gibt kurz vor dem Hindernis Druckluft nach unten ab. Der schwere Pick-up hebt ab, fliegt über den Stamm und landet auf der anderen Seite.
Bei einem tiefen Graben funktioniert das Prinzip ähnlich. Ein kleiner Schubstoß könnte die fehlende Rampe ersetzen. Felsformationen, zu enge Durchfahrten oder sumpfige Stellen ließen sich ebenfalls überspringen, statt sie mit drei Tonnen Gewicht zu durchpflügen.
Für die Kurvenfahrt böten seitliche Düsen zusätzliche Möglichkeiten. Der Cybertruck könnte seinen schweren Aufbau auf einer abgesperrten Strecke in eine Kurve drücken oder eine beginnende Drehung korrigieren. Im öffentlichen Verkehr hätte diese Funktion allerdings nichts verloren.
Druckluft reicht nur für kurze Stunts
Die Roadster-Technik liefert keine dauerhafte Flugfähigkeit. Kurze Manöver verbrauchen große Luftmengen, danach muss der Kompressor die Tanks wieder füllen. Beim deutlich schwereren Cybertruck wäre der Vorrat noch schneller aufgebraucht.
Auch die Konstruktion müsste Tesla grundlegend anpassen. Druckbehälter, Leitungen, Ventile und Kompressor brauchen Platz, erhöhen das Gewicht und erfordern einen sicheren Schutz bei einem Unfall. Abgase entstehen zwar nicht, seitlich austretende Gasströme, Lärm und abrupte Schubänderungen bleiben aber erhebliche Risiken.
Was der Cybertruck wirklich braucht
Für normale Geländefahrten reichen Elektromotoren, Sperren, Luftfederung und passende Reifen. Die offiziellen Daten zeigen, dass der Cybertruck ein brauchbarer Geländewagen sein kann. Er kann Felsen, Sand, Schnee und Wasser bewältigen, solange Fahrer und Untergrund zu seinen Abmessungen passen.
Seine Grenzen zeigen sich bei Hindernissen, die kein Reifen mehr erklimmen kann. Gegen einen liegenden Baum, einen breiten Graben oder eine Felsstufe helfen keine Sperrdifferenziale und Offroad-Reifen. Für diese Fälle bräuchte der Cybertruck nicht noch ein Fahrprogramm, sondern einen Raketenknopf.
