Sind China-Gebrauchte ein Schnäppchen oder ein Risiko?
BYD, GWM, MG, usw. sind Kürzel, die uns im Straßenverkehr und beim Autohändler immer häufiger begegnen. Logisch, dass von den absatzstärksten China-Herstellern auch die ersten Gebrauchten auftauchen – und das richtig günstig. Lohnt sich das oder sind altbekannte Hersteller doch die bessere Wahl?
Ein gewisses Misstrauen ist ja durchaus menschlich, zumindest was Autos angeht. Die ersten Kassenschlager von Toyota, Honda, Mazda oder Nissan musste man hierzulande einst mit langen Garantiezeiten und umfangreicher Serienausstattung schönreden, und auch Hyundai und Kia aus Korea hatten in Europa zunächst einen schweren Start. Heute gibt's an der Qualität nichts zu rütteln, und die Autos sind auch ohne durchschlagende Preisargumente oftmals sehr empfehlenswert. Es ist also gebräuchlich, dass neue oder zunächst fremde Autohersteller auf unserem Markt meist erst mal eine ganze Weile brauchen, um in der Gunst der Käufer anzukommen.
Chinesische Hersteller werden dabei wohl am kritischsten beäugt, weil viele hier instinktiv von kruder Billigware ausgehen. Das ist nicht ganz richtig. Der Ausruf "Die Zeiten sind vorbei" allerdings auch. Die Fertigungskapazitäten des Industrielandes sind enorm. Auch heute werden noch rudimentäre Fahrgeräte in Fabriken hergestellt, die anderntags Briefkästen oder Eiswürfelbehälter fabrizieren. Gleichwohl gibt es Hersteller mit dem nötigen Know-how und den Produktionsanlagen, um Fahrzeuge auf Weltniveau zu produzieren, mitunter sogar in Zusammenarbeit mit deutschen Premiumherstellern. Wie immer im Leben sollte man also nicht im Schwarzweißmodus die Extreme betrachten, sondern eher den Blick auf die goldene Mitte legen. Und weil es ja hier um Gebrauchte geht, beschäftigen wir uns damit, was derzeit immer häufiger auf den Verkaufsbörsen inseriert wird. Dazu beschäftigen wir uns mit den wichtigsten Fragen.
Gibt es jetzt auf dem Gebrauchtmarkt richtige Preisknaller?
Wer meint, einen drei Jahre alten MG oder BYD mit üppiger Rest-Garantie für die Hälfte eines vergleichbaren VWs zu finden, irrt – noch zumindest. Die Gebrauchtpreise der jungen Exemplare sind überraschend stabil. Das dürfte daran liegen, dass viele private Neukäufer über günstige Händlerangebote zugegriffen haben und schlicht noch nicht bereit sind, die Fahrzeuge abzugeben. Das liegt auch an den zum größten Teil angebotenen Verbrennungsmotoren, die als simple Benziner mit 100 bis 150 PS nur selten attraktiv für Flottenmanager sind. Folglich gibt es kaum Rückläufer aus Firmenleasingaktionen oder finanzierten Dienstwagenflotten. Somit fehlt die Stückzahl an Gebrauchten mit attraktiver Laufleistung im jungen Alter. Als einzige Ausnahme finden sich ehemalige Mietwagen, hauptsächlich von MG, BYD und Lynk & Co. Viele von ihnen haben ein hartes Leben hinter sich, was auch die enorme Zahl der angebotenen Unfallfahrzeuge zeigt. Und die, die sich letztlich im einwandfreien Zustand präsentieren, sind kaum günstiger als vergleichbare Mainstreamware aus Europa, Japan oder Korea.
Wie ist die Qualität nach ein paar Jahren?
Hier ist es besonders wichtig, nicht alle Hersteller über einen Kamm zu scheren. Sehr grob betrachtet lassen sich qualitative Schlüsse aus dem einstigen Neupreises ziehen. Was von Anfang an zum Super-Dumpingpreis beim Mehrmarkenhändler zu finden war (z.B. BAIC, Dongfeng oder DFSK) lag in puncto Verarbeitungsqualität und Materialgüte noch nie ganz auf Augenhöhe mit einheimischen Zeitgenossen. Die eher simple Technik bewirkt umgekehrt keine allzu großen Pannenrisiken. Die Autos machen oberflächlich einen ordentlichen Eindruck, bieten ansprechend gestaltete und übersichtlich gemachte Interieurs und wirken keineswegs fadenscheinig. Der Unterschied zu wertvolleren Modellen wird aber rasch deutlich, wenn das Fahrwerk ungelenk poltert, der Antrieb Dröhnfrequenzen von sich gibt, oder im Innenraum immer irgendwas raschelt oder vibriert. Auch zeigen sich hier Feinheiten wie Bordcomputer-Displays oder Infotainmentsysteme um einiges simpler gestrickt als es schon bei den mittelpreisigen China-Marken, wie MG, GWM oder BYD der Fall ist.
Insgesamt ist es wichtig, den Ist-Zustand eines einzelnen Fahrzeugs nicht nur oberflächlich zu bewerten. Tatsächlich erzeugen gerade die Interieurs einiger China-Hersteller optisch und haptisch zunächst einen richtig hochwertigen Eindruck. Im echten Autoleben darf das aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lederoberflächen rasch unansehnlich werden, Sitze überraschend früh durchgesessen und faltig erscheinen, oder einige Oberflächen sich schneller abgenutzt und verkratzt zeigen. Auch auf der Hebebühne zeigen sich in vielen (wenn auch nicht allen) Fällen relativ frühzeitig verschlissene Fahrwerksteile, Auspuffgummis oder Bremsen. Und die müssen für die Unterhaltskosten eingepreist werden.
Wie ist der fahrerische Unterschied zu Mainstream-Gebrauchten?
Auch hier kommt es auf den einzelnen Hersteller und das Modell an, jedoch gilt ein entscheidender Unterschied zu den hiesigen Brot-und-Butter-Modellen. Selbst wer sich für die günstigsten Basismodelle der etablierten Hersteller interessiert, unabhängig von der Fahrzeugklasse oder der Modellgeneration, bekommt in den meisten Fällen ein blitzsauberes Handling mit gekonnter Abstimmung. Auch die Abstimmung des Antriebs sollte sich harmonisch einfügen und nicht fremdartig wirken. Und genau dieser Aspekt fehlt vielen chinesischen Herstellern, und zwar unabhängig von Kategorie und Kaufpreis. Häufig wirken Lenk- oder Pedalgefühl merkwürdig synthetisch, es gibt unschöne Akustikschwingungen, oder das Fahrwerk zeigt sich unausgewogen. Und nein, hier geht es nicht um empfindliche Autotester-Ansprüche, sondern um Fahrwerke, die holprig über kleine Unebenheiten poltern, dafür aber in Kurven oder auf langen Bodenwellen schaukelig werden. Im Zweifel greift hier immer ein ESP ein, ehe es gefährlich wird, aber angenehm sind solche Unzulänglichkeiten auch für anspruchslose Fahrer nicht. Hinzu kommt der bereits angesprochene Verschleißfaktor, der jeweils im Einzelfall zu beurteilen ist. Wer fürs Geld eher ein älteres Modell aus deutscher oder europäischer Fertigung bevorzugt, sieht sich hier in einem Großteil der Fälle objektiv bestätigt.
Wie ist die Ersatzteillage für die eher seltenen Chinesen?
Durchwachsen. Bei den simpleren Verbrennermodellen gibt es je nach Konzern (z. B. Dongfeng oder BAIC) eine weitreichende Gleichteilstrategie, sodass gerade mechanische Verschleißteile unproblematisch zu bekommen sind. Das ist auch Verdienst unabhängiger Importfirmen, wie z. B. Indimo, die ihre angebotenen Produkte gekonnt am Leben halten und dabei eng mit den verpartnerten Händlern zusammenarbeiten. Das funktioniert gut. Muss Ersatz für Karosserieteile her, gilt grundsätzlich das Gleiche, auch wenn es gelegentlich zu einzelnen Wartezeiten kommen kann. Anders sieht es bei Marken wie GWM oder BYD aus, die auch preislich viel eher auf den europäischen Mainstream zielen, nicht zuletzt dank der attraktiven E-Modellpalette. Hier klagen die Kunden verhältnismäßig oft über wochenlange Wartezeiten oder die Nichtlieferbarkeit einzelner Teile. Bis hierhin stützt sich der Eindruck auf die ersten Erfahrungen, die sich im Dialog mit Händlern und Kunden, sowie durch Internetforen finden lassen. Spekulieren muss man jedoch auch über die längerfristige Zukunft. Die Lebensdauern einzelner Generationen sind kurz, dafür das Angebot an verschiedenen Modellen, die alle dieselbe Nische bedienen, groß. Das sind alles keine Anreize für die Hersteller, große Mengen an Ersatzteilen vor Ort vorzuhalten. Da sind wir von den arrivierten Modellen aus Europa, Japan oder Korea förmlich verwöhnt. Speziell bei deutschen Herstellern ist es üblich, auch nach Jahrzehnten noch das gewünschte Ersatzteil spätestens am nächsten Tag an der Teiletheke abholen zu können. Positive Ausnahme: XPeng, die laut ADAC-Angaben ein eigenes Ersatzteillager in Deutschland aufbauen.
Mit welchem Werterhalt kann ich rechnen, wenn mein Gebrauchter wieder weg soll?
Wieder kommt es auf das jeweilige Modell oder die Marke an. Unter verschiedenen Labels gibt es zum Beispiel allein im Dongfeng-Konzern unzählige Familienautos im geräumigen Crossover-Format mit demselben Vierzylinder-Saugbenziner, um die 100 bis 140 PS und Fünfgang-Schaltgetriebe. Ob die nun DFSK heißen, oder Fengon, oder Zotye, oder sonst wie, spielt für die Nachfrage auf dem Gebrauchtmarkt kaum eine Rolle. Die Autos sind simpel gestrickt und verhältnismäßig oft anzutreffen. Folglich verbergen sich dahinter nur wenige Anreize, auch auf Dauer hohe Preise zu erzielen. Ein gewisser Grundwert, den ein nützliches Auto in technisch gepflegtem Zustand nun mal hat, wird freilich immer bestehen bleiben. Mit etwas mehr Sicherheit können Käufer kalkulieren, wenn's um wirklich eigenständige Modelle, wie den Ora Funky Cat (bzw. GWM Ora 03) geht. Ähnlich wie bei den höherpreisigen Elektromodellen der chinesischen Hersteller finden sich hier immerhin einige Alleinstellungsmerkmale, die beim Werterhalt hilfreich sein dürften. Ausnahmen könnten sich über die nächsten Jahre außerdem in besonders reichlich ausgestatteten Marken, wie Forthing zeigen. Auf Nummer sicher geht, wer sich für ein nützliches Pick-up-Modell entscheidet, oder den BAW 212 (siehe Video oben), der als klassischer Geländewagen nicht nur praktisch ist, sondern als erstes Chinamodell auch so etwas wie einen eigenen Kultfaktor besitzt.
